„Zeit heilt alle Wunden“, heißt es in einem Sprichwort. Doch reicht ihre Heilkraft, um erlittenes Unrecht zu verzeihen und im Hass Entzweite zu vereinen? Shakespeares Spätwerk, 1611 entstanden, ist ein Plädoyer für die zweite Chance im Leben, für Versöhnung und Hingabe. Die Schüler*innen der Theater-AG des Staufer-Gymnasiums unter der Leitung von Frau Gawehn haben „Das Wintermärchen“ auf die Bühne und damit einen klassischen Stoff und eine für unsere Ohren ungewöhnliche, aber wunderschöne Sprache zur Geltung gebracht. 

Im Zentrum des Geschehens und auch des Bühnenraums steht bzw. sitzt König Leontes, der einem Wahn verfällt und in der Annahme, sein Gast Polixenes betrüge ihn mit seiner geliebten Frau Hermione, sein Land ins Verderben stürzt. Aus anfänglicher Liebe und Zuneigung entstehen Eifersucht, Trennung und Einsamkeit. Diesem einen Machthaber gelingt es, vor der schweigenden Zustimmung seiner Berater, ein ganzes Land in Trauer und Erstarrung zu versetzen, die psychische Gesundheit seiner Frau zu ruinieren und das Leben seiner beiden Kinder zu gefährden. Alles verfällt in einen Zustand tiefster Depression. Allein eine mutige Frauengestalt, die Kammerzofe seiner Frau, wagt es, diesem grausamen Tyrannen den Spiegel seines Inneren vorzuhalten. 

Der Aktualitätsbezug zu unserer Zeit wird durch Einblendungen des entsprechenden blondierten Haarschopfes in exaltierter Sprecher- und Empörungspose deutlich, hinzu kommen getwitterte Botschaften, die als Fake News darauf verweisen, wie subjektiv Wahrheit verzerrt werden und welche fatalen Folgen dies haben kann. Leider können wir heute kein Orakel von Delphi mehr zu Rate ziehen, sondern müssen auf anderes vertrauen: Auf unser Herz vielleicht? Auf unseren Verstand doch auch zuweilen und auf die Kraft der Beziehungen und der Menschlichkeit. 

Die Schauspieler*innen zeigen eine Geschichte, die gut ausgeht, weil die Liebe Gezeiten und Grenzen überwindet und am Ende alle wieder zusammenführt und die alten Wunden zu heilen vermag. Als Zuschauende/r denkt man sich für einen Moment: „Zu schön, um wahr zu sein!“, doch sind es gerade diese Erzählungen, an deren innerer Wahrheit wir uns in diesen Tagen festhalten sollten, wenn uns ein Gefühl von Angst und Ohnmacht überfällt. Danke, liebe Theater-AG und liebe Frau Gawehn, dass wir ermutigt nach Hause gehen durften und danke für ein besonderes Theatererlebnis, denn es rührt an, wenn junge Menschen so große Worte sprechen und man spürt, sie verstehen und meinen es ernst!

Text: Pi   Bilder: Ga