Eine Reise nach Berlin
Am Beginn des Ereignisses, das uns am Ende in die Staatsbibliothek nach Berlin führen und in Kontakt mit Vertreter*innen der Initiative kulturelle Integration bringen wird, steht eine kurze Rundmail einer Kollegin an alle Deutschlehrkräfte des Staufer-Gymnasiums mit dem Hinweis auf den Wettbewerb „Schreib für Hanau!“. Im Gedenken an den schrecklichen Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020, bei dem innerhalb von sechseinhalb Minuten neun junge Menschen mit Migrationshintergrund aus rassistischen Motiven getötet wurden, wird dieser Wettbewerb nun das vierte Jahr in Folge ausgeschrieben, um junge Menschen zur Auseinandersetzung mit Diskriminierung und jeglicher Form von gesellschaftlicher Ausgrenzung zu motivieren.
Die Anregung, einen Text unter dem Motto „Deine Worte für Zusammenhalt und Vielfalt“ zu verfassen, ermutigt tatsächlich drei Schüler*innen aus der 8a, etwas zu schreiben, was ich als ihre Deutschlehrerin rechtzeitig zum Einsendeschluss Anfang November einreichen kann. Gespannt warten wir auf eine Nachricht der Projektleitung, die kurz vor Weihnachten eintrifft: Die Jury, bestehend u.a. aus dem Geschäftsführer des deutschen Kulturrates (Olaf Zimmermann), dem Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin (Prof. Dr. Achim Bonte) und Autor*innen sowie Journalist*innen, hatte doch tatsächlich entschieden, aus ca. 100 Einsendungen die Kurzgeschichte von Clara Grasmannsdorf und Charlie Gautam auszuwählen! Sie trägt den Titel „Schatten“ und handelt von den diskriminierenden Erfahrungen der beiden Schüler Hodari und Elia in ihrer Schulklasse durch Mitschüler und durch ihre Lehrerin, der sie zwar ausgeliefert sind, aber am Ende doch entschlossen entgegentreten. Ihren Text dürfen Charlie und Clara am 10. Februar 2026 in der Staatsbibliothek zu Berlin vor einem Publikum, bestehend aus anderen Preisträger*innen und deren Mitschüler*innen sowie einer interessierten Öffentlichkeit vortragen. Denn nicht nur die beiden fahren nach Berlin, sie sind sogar eingeladen, weitere sechs Mitschüler*innen aus ihrer eigenen Klasse mitzunehmen, so dass wir am 9. Februar um 9 Uhr in den Regionalzug nach Nürnberg und zwei Stunden später in den ICE nach Berlin steigen.
In Berlin werden wir mit Schüler*innen von den unterschiedlichsten Schulen aus ganz Deutschland im Hostel untergebracht und abends bei einer feierlichen Eröffnungsveranstaltung empfangen: Moderiert von dem Spoken Word-Künstler Henrik Szántó sprechen hier auf dem Podium u.a. Sanem Kleff, Vorstandsvorsitzende von Aktion Courage e.V. und seit 2000 Direktorin des bundesweiten Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und Serpil Temiz Unvar, Gründerin der „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“, die in Hanau ihren Sohn Ferhat mit Anfang 20 verloren hat. Sie richten eine eindringliche, ermutigende Botschaft an die jungen Menschen: Sich nicht für handlungsunfähig zu halten, sich auch nicht einfach aus allem Politischen rauszuhalten, sondern hinzusehen, einander empathisch wahrzunehmen und sich für mehr Menschlichkeit und Solidarität in unserer Gesellschaft einzusetzen. Am folgenden Tag werden alle vortragenden Schüler*innen von Henrik Szántó darin gecoacht, wie sie ihre Texte bei der anstehenden Lesung am Abend wirkungsvoll zum Besten geben können. Zeitgleich nehmen die übrigen Jugendlichen an Workshops der Ferhat-Unvar-Stiftung teil, die das Thema des Vortages vertiefen. Lehrer*innen sind dabei unerwünscht. Am Nachmittag bleiben uns zwei Stunden Zeit, in eisiger Kälte einen Abstecher beim Brandenburger Tor und dem deutschen Bundestag zu machen, bevor wir uns wieder in die Wärme der Staatsbibliothek begeben.
Die Reihenfolge der Vortragenden steht bereits fest und ist inklusive der Texte in einem aufwändig gestalteten Programmheft dokumentiert. Nacheinander treten die Schüler*innen ans Mikrofon und lesen ihre Texte, die allesamt unter die Haut gehen: Das Spektrum der Genres reicht von Briefen an die Opfer des Hanauer Anschlags über direkte Ansprachen ans Publikum, umfasst poetische Beschreibungen der eigenen Geschichte oder Familiengeschichte, die in anderen Kulturen verwurzelt ist, enthält eine szenische Lesung, in der eine deutsche Frau mit türkischem Namen in einer deutschen Arztpraxis um Anerkennung und Gleichbehandlung kämpft. Es geht thematisch um die über Jahrhunderte eingeschränkten Rechte der Frau, um subtile und offensive Erfahrungen der Diskriminierung aufgrund der eigenen sexuellen Orientierung oder anderer Merkmale. Auf der Bühne zeigen sich nacheinander ganz unterschiedliche junge Menschen, die Einblicke in Biografisches geben oder mit fiktiven Erzählungen auf ein gesellschaftliches Klima aufmerksam machen, in dem manche gleicher und freier sind als andere. Einige Stimmen sind eher leise und zurückhaltend, andere eindringlich und laut. Die Vielfalt zeigt: Engagement hat viele Töne und Facetten, kann offensiv oder auch im Hintergrund stattfinden, aber eines scheint zentral: Es findet niemals einsam statt, sondern mit vereinten Kräften. Gerade das Netz aus den unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven, die sich in der Zielrichtung für mehr Achtung untereinander treffen, wird der Zerreißprobe am besten standhalten, der unsere Gesellschaft derzeit ausgesetzt ist und weiterhin ausgesetzt sein wird. Eine Schülerin, deren Text besonders viel Poesie enthält, bringt es in einer schönen Wortkreation auf den Punkt: Es bedarf an mehr „Mitfühlkraft“, aus der die Stärke erwächst, uns gegen Verrohung und Ausgrenzung einzusetzen.
In diesem Sinne hat der Aufenthalt in Berlin gedanklich und emotional bei uns allen etwas angestoßen, das hoffentlich auch in unseren Schulalltag hinübergerettet werden kann. Denn als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ wollen wir eine offene Schule sein, in der ein Klima gegenseitiger Achtung und Wertschätzung herrscht – unter ausnahmslos allen!
Hier die Geschichte zum selbst lesen.
Text: Pi Bilder: Jule Roehr/Initiative kulturelle Integration.